Ein außergewöhnliches Gräberfeld
Bei Lancken-Granitz auf Rügen liegt ein beeindruckendes Großsteingräberfeld. Die Anlagen der Trichterbecherkultur sind etwa 5.000 bis 5.200 Jahre alt — älter als die ägyptischen Pyramiden. Historische Karten, z. B. die von Friedrich von Hagenows aus 1829, zeigen hier einst zahlreiche Großstein- und Hügelgräber. Erhalten blieb nur ein Bruchteil — ein stiller Hinweis, wie stark menschliche Eingriffe Landschaften verändern.
Bauweise und Gestalt
Eiszeitliche Findlinge, gesetzt zu Kammern, Decksteinen und steinernen Umfassungen. Einige trapezförmig zu "Hünenbetten" arrangiert, andere kreisförmig eingefasst oder (noch) überhügelt. Windfangartige Zugänge mit Steinplatten und Schwellensteinen sind typisch. Ein symbolischer Übergang zwischen Außenwelt und Totenhaus. Lehm-Estrich, Trockenmauerwerk, Kammerteilungen und glatte Innenseiten zeigen planvoll-sorgfältige Bauweise. Riefen und Gesteinsarten verweisen auf eiszeitliches Geschiebe, Kerben auf neuzeitliche Steinbrecher.
Technische Leistung der Jungsteinzeit
Der Bau, eine enorme Gemeinschaftsleistung: Tonnenschwere Decksteine wurden vermutlich über Erdaufschüttungen, Hebel und Rollen auf die Tragsteine bewegt. Dafür brauchte es Erfahrung, Organisation und praktisches technisches Wissen — ebenso wie Menschen für Versorgung, Transport und Vorbereitung.
Nutzung, Bestattungen und Beigaben
Die Großsteingräber wurden über viele Generationen bis in die Bronzezeit genutzt. Ältere Gebeine wurden umgelagert, Knochenreste erhielten sich im sauren Boden oft nur schlecht. Funde wie Keramik, Flintbeile, Flachmeißel oder Bernsteinperlen zeigen praktische, symbolische und rituelle Bedeutungen. Muster und Pflanzenreste geben Hinweise auf Kultur, Umwelt und Ernährung.
Verlust und Zerstörung
Viele Großsteingräber Rügens wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert zerstört; ihre Steine dienten als Baumaterial für Straßen, Gutshäuser, Denkmäler und Chausseen. Bohrlöcher und Keilspuren zeigen, wo Steinschläger angesetzt, ihr Werk aber nicht vollendet haben. Heute sind die Bodendenkmale streng geschützte, wertvolle Landschaftselemente.
Forschung und Dokumentation
Die Gräber bei Lancken-Granitz wurden mehrfach dokumentiert: von der Karte Friedrich von Hagenows 1829 bis zu Ernst Sprockhoffs Atlas der deutschen Großsteingräber. Archäologische Untersuchungen, besonders durch Ewald Schuldt, erfassten Kammern, Zugänge, Mauerwerk, Keramik und Funde. Einzelne Anlagen blieben bewusst ungeöffnet, um ihren Zustand zu bewahren.
Archäologie und Naturraum
Die Großsteingräber sind Teil einer lebendigen Landschaft aus Wiesen, Gehölzen, alten Wegen und dem Südrand der Granitz. Tiere, Pflanzen und Insekten finden ein Zuhause. Bodendenkmalpflege und Naturschutz gehen Hand in Hand.
Besonderheiten einzelner Anlagen
Einige Gräber tragen anschauliche Namen wie das „Birkengrab“. Manche Kammern sind, soweit zugänglich und erlaubt, vorsichtig begehbar und lassen Aufbau, Wandsteine und Mauerwerk gut erkennen. Andere Anlagen zeigen, wie Bäume und Steine über lange Zeit verwachsen: Wurzeln, angehobene Steine und umgestürzte Bäume machen sichtbar, dass auch Denkmale sich verändern.
Bedeutung des Ortes
Die Großsteingräber bei Lancken-Granitz zeugen von früher Megalithkultur, technischer Meisterschaft, sozialer Organisation und besonderem Umgang mit den Ahnen. Zugleich erzählen sie von Landschaftswandel, Verlust und Denkmalschutz.
Wer die Anlagen besucht, sollte auf den Wegen bleiben und sie als geschützte Bodendenkmale in einer empfindlichen Natur- und Kulturlandschaft respektieren.